Ausstellung Volks Musik

Volks Musik – Eine Ausstellung über die Sehnsucht zusammenzugehören

Ausstellung VolksMusikDas Thema hat Benjamin Tillig, seit Mai neuer Leiter des Museum Starnberger See, für seine erste Wechselausstellung gewählt, weil auch das 1914 im historischen Lochmannhaus, einem über 400 Jahre alten Bauern- und Fischerhaus von Bayerns letztem König eröffnete Heimatmuseum und der in direkter Verbindung dazu im Jahr 2008 eröffnete moderne Neubau zusammengehören.

Sehnsuchtsorte und Schauplätze

Es geht nicht um authentische „Volksmusik“. Der gebürtige Tiroler Fotograf Lois Hechenblaikner dokumentiert vielmehr Großveranstaltungen und Konzerte der „volkstümlichen Musik“ und die Fankultur um die Protagonisten und Stars der Szene. Im oberen Raum zeigen großformatige Bilder Menschenströme, Autos, Wohnmobile und Hunderte Busse auf Veranstaltungen in der vermeintlich heilen Bergwelt. Gespenstisch entlarvend ist die Gegenüberstellung der „Hansi Hinterseer Fanwanderung“ am Kunstschnee-Speicherteich am Kitzbüheler Hahnenkamm. In dichten Reihen umringen die Menschen mit gezücktem Fotoapparat den See, an dessen Rand ihr Idol 2007, fast zum Anfassen nah, in einer Nussschale von Ruderboot stehend und winkend an ihnen vorüberschippert. 2010 fährt ein „urig“ mit Strohballen, Zimmerpflanzen und feschen Dirndln ausstaffiertes hölzernes Floß, von zwei Lederhosen-Buam gerudert, mittig auf dem See. Der Star, auf Abstand als blonder Held inszeniert, lehnt lässig an einem Tiroler Dachreiter mit rotem „Kitzbühel-Schild“ - damit es auch jeder später auf seinem Foto noch weiß. Die Vermarktung durch Alpenschlitzohren (O-Ton L.H.) ist perfekt.

Muster in Haltung, Kleidung und Gestus

Im Untergeschoss haben die ambitionierten Ausstellungsmacher den nüchternen Betonsaal auf seinen Ursprungszustand entkernt. An den nun wieder schutzlos nackten Wänden begegnen uns aus der Anonymität der Massen herausgelöste Menschen. In zum Teil grotesken Fan-Uniformen posieren sie frontal in die Großformatkamera blickend, geben dem Fotografen Namen und Beruf preis. Die Bilder gleichen sich, ob nun beim „Kastelruther Spatzen Open Air“ in Südtirol, dem „Schürzenjäger Open Air“ in Hintertux, dem „Ursprung Buam Fest“ im Zillertal oder immer wieder bei „Hansi Hinterseer“. Das ist traurig, komisch, erschreckend - aber auch ermüdend. Es lohnt, die Texte im ausliegenden gleichnamigen Fotobuch zu lesen. Zwei Mitmach-Tische fordern den Besucher auf, mit Steckkarten eigene Ideen über „Zugehörigkeit“, „Individualität“, „Ursprünglichkeit“ zu äußern bzw. durch Stempel mit stereotypen Liedtexten aus einer „Volkslied-Fabrik“ eigene Versionen zu gestalten.

Emotional berührend

Hinter der mit fröhlich Kitzbühel-Sparkassen-Fähnchen schwenkenden Hinterseer-Fans geschlossenen ehemaligen Werkstattwand zeigt Hechenblaikner einen früheren Hinterseer-Fan, der seine enttäuschte Sehnsucht, dazuzugehören und seinen Stars nahe zu sein, in seinen Collagen verarbeitet hat und erzählt seine Geschichte. Da wird die Ausstellung auch emotional berührend.