Ein eiserner Vogel und ein norddeutscher Fürst

Ein eiserner Vogel Oberhalb der Baumkronen breitet der Adler seine Schwingen aus, als wolle er gleich losfliegen. Doch nichts dergleichen. Das Tier sitzt hier nun schon seit 110 Jahren, denn es handelt sich um den Reichsadler, Symbol des Deutschen Kaiserreichs, der hier oberhalb von Leoni am Starnberger See den Bismarckturm krönt.

Erstaunlich genug, dass man Otto von Bismarck, erst preußischer Ministerpräsident und dann deutscher Reichskanzler, hier überhaupt ein Denkmal gesetzt hat. Mitten in Bayern, in unmittelbarer Nachbarschaft von Schloss Berg - ein Bismarckturm? Ist es doch dem energischen Wirken dieses Herrn zu verdanken, dass Bayern damals seine politische Souveränität an das Deutsche Reich verlor. Eine Tatsache, die König Ludwig II. ein Leben lang zu schaffen machte. „Ein Schattenkönig möchte ich nicht sein“, hat er gesagt. Dass er doch einer wurde, hängt nicht zuletzt mit der Politik des preußischen Landedelmannes Bismarck zusammen. Doch Bismarcktürme waren „in“. In ganz Deutschland schienen sie aus dem Boden zu wachsen. Auch in München gründeten nationalistisch-vaterländisch gesinnte Männer voller Begeisterung für das neu - oder wieder - begründete Reich die „Gesellschaft zur Ehrung seiner Durchlaucht des Fürsten von Bismarck“. Übrigens unter Federführung des „Malerfürsten“ Franz von Lenbach, der den norddeutschen Fürsten zu seinen besten Kunden zählte. Lenbachs Pinsel sind zahlreiche Bismarckporträts zu verdanken.

Der Bismarckturm am Starnberger See

1896 wurde der Architekt Theodor Fischer mit der Anfertigung von Plänen zur Errichtung eines Denkmals beauftragt, drei Jahre später wurde der Bismarckturm eingeweiht. Er steht auf einem wuchtigen quadratischen Sockel, dem Rundbögen die Gestalt einer Loggia verleihen. Reliefs verbreiten Reichspathos, Germania vereint unter ihrem ausgebreiteten Mantel die vier „Bruderstämme“ Bayern, Schwaben, Sachsen und Franken - das Bildmotiv der Schutzmantelmadonna profan umdeutend. Bewusst wählte man einen Standort auf weiter Flur, denn das Volk sollte sich hier zu großartigen und großzügig dimensionierten nationalen Feiern versammeln können. Tempi passati. Heute ist der Turm als Ausflugsziel beliebt, auch wenn der einst besungene freie Blick über das umgebende Land längst verschwunden ist. Ringsum Bäume, nur der krönende Adler sieht noch über ihre hohen Kronen hinweg.